Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!                     Johannes 20, 29    Das   ist   einfach   nicht   fair!   Den„ungläubigen Thomas“   nennt   man   ihn.   Dabei   war   er   doch   nur   kurz   weg   gewesen. Am Abend   des   ersten   Wochentages   hatten   sich   einige   Jünger   versammelt.   Die   Lage   war   sehr   verwirrend:   Erst das   Grauen   der   Kreuzigung,   dann   am   dritten   Tag   plötzlich   das   leere   Grab.   Die   Jünger   hatten   von   Maria Magdalena   erfahren,   dass   Jesus   ihr   erschienen   sei.   Jetzt   kamen   sie   zusammen   und   verriegelten   die   Türen. Die   Situation   war   zu   unsicher.   Schwer   einzuschätzen.   Wem   sollte   man   vertrauen?   Wen   oder   was   hatte   Maria gesehen?   Sollte   man   ihr   glauben   oder   besser   den   eigenen   Augen   trauen,   obwohl   es   eigentlich   nichts   zu sehen gab? Von einem Jünger hieß es, dass er in der leeren Grabkammer „sah und glaubte“ (Joh 20,8). Aber was hatte jener dort gesehen? Und   vor   allem:   Was   und   wie   glaubte   er?   Fragen   über   Fragen.   Kein   Wunder,   dass   sich   die   Jünger   trafen.   Wer wollte   in   so   einer   unsicheren   Situation   schon   allein   sein?   Einer   fehlte   jedoch:   Thomas.   Wir   wissen   nicht, warum. Vielleicht   hatte   er   einfach   etwas   anderes   vor.   Oder   er   wollte   in   seiner   Trauer   über   den   Tod   Jesu   lieber   allein sein.   Jedenfalls   war   er   nicht   dabei,   als   etwas   ganz   und   gar   Unerwartetes   geschah.   Jesus   war   plötzlich   mitten unter   ihnen.   Wie   er   leibt   und   lebt!   Nein,   vielleicht   nicht   ganz   so   wie   früher,   aber   doch   als   der   Gekreuzigte. Seine   Wunden   waren   deutlich   zu   sehen.   Tatsächlich.   Er   war   es.   „Friede   sei   mit   euch“,   sagte   er   zu   ihnen. „Thomas   aber,   einer   der   Zwölf,   der   Zwilling   genannt   wird,   war   nicht   bei   ihnen,   als   Jesus   kam.   Da   sagten   die andern   Jünger   zu   ihm:   Wir   haben   den   Herrn   gesehen.   Er   aber   sprach   zu   ihnen:   Wenn   ich   nicht   in   seinen Händen   die   Nägelmale   sehe   und   lege   meinen   Finger   in   die   Nägelmale   und   lege   meine   Hand   in   seine   Seite, kann   ich’s   nicht   glauben“   (Joh   20,25).   Spricht   so   ein   Zweifler?   Vielleicht   eher   ein   Forscher.   Thomas   wollte selbst   sehen   und   fühlen,   was   die   Worte   der   anderen   Jünger   bezeugten,   aber   nicht   beweisen   konnten.   Er verließ   sich   nicht   auf   Hörensagen   und   Fremdberichte,   sondern   wollte   sich   mit   eigenen   Augen   und   eigener Hand    einen    Eindruck    verschaffen.    Wie    seine    Mitjünger    reagierten,    ist    nicht    überliefert.    Jedenfalls    hatte Thomas    mit    seinen    Fragen    weiterhin    einen    Platz    in    ihrer    Mitte.    Eine    Woche    später,    beim    nächsten Jüngertreffen,   war   er   wieder   mit   dabei.   Und   schon   wieder   kam   Jesus   in   ihre   Mitte.   Dieses   Mal   verpassten   sich Thomas und Jesus nicht. Der Jünger durfte schauen und berühren. Ob   er   das   tat,   sagt   die   Geschichte   nicht.   „Weil   du   mich   gesehen   hast,   darum   glaubst   du?“,   fragt   Jesus.   Die Begegnung   mit   dem   Auferstandenen   hinterlässt   einen   tiefen   Eindruck   bei   Thomas.   Die   Begegnung   und   die Worte   Jesu   wecken   seinen   Glauben   und   rufen   die   Worte   eines   alten   Bekenntnisses   (vgl.   Ps   35,23)   neu hervor:   „Mein   Herr   und   mein   Gott!“,   sagt   Thomas.   Das   ist   der   Höhepunkt   des   ganzen   Evangeliums.   Höher geht   es   im   Glauben   nicht,   als   dass   ein   Mensch   Jesus   Christus   ganz   persönlich   als   seinen   Herrn   und   seinen Gott bekennt. Thomas   erkennt,   was   nur   mit   den   Augen   des   Herzens   erkannt   werden   kann:   Der   Auferstandene   ist   weiterhin der      Gekreuzigte,   in   dem   das   Heil   liegt. Als   Nachzügler   hatte Thomas   die   Chance   bekommen,   Jesus   zu   sehen. Als   der   „ungläubige   Thomas“   sollte   er   nicht   in   die   Geschichte   eingehen,   sondern   als   der   hörende,   sehende, glaubende   und   bekennende   Thomas.   Doch   wie   soll   es   für   all   jene   Menschen   weitergehen,   die   damals   nicht dabei   waren,   nicht   gesehen   haben   und   doch   zu   allen   Zeiten   zum   Glauben   gerufen   werden?   Für   sie   gilt   die Seligpreisung:   „Selig   sind,   die   nicht   sehen   und   doch   glauben!“   Ist   das   eine   Kritik   an   jenen,   die   selbst   genau sehen   wollen?   Nicht   unbedingt.   Auch   der   Glaube   der   späteren   Generationen   darf   fragen   und   muss   sich   nicht nur   auf   Überlieferung   und   Hörensagen   verlassen.   „Wo   zwei   oder   drei   versammelt   sind   in   meinem   Namen,   da bin   ich   mitten   unter   ihnen“,   verheißt   Jesus   im   Matthäusevangelium   18,20.   Er   ist   auch   heute   mittendrin.   Zwar können   heutige   Menschen   nicht   in   gleicher   Weise   wie   Thomas   sehen   und   tasten,   aber   sie   können   Jesus begegnen    und    Gottes    Wort    hören.    Wo    der    Gekreuzigte    als    der   Auferstandene    verkündigt    wird,    werden Menschen   seine   Stimme   hören.   Glaube   wird   entstehen,   und   sie   werden   sich   zu   Jesus   Christus   bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“ Autor: Prof. Dr. Carsten Claußen
118 Jahre Leben finden - Gemeinschaft erfahren
    Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!                     Johannes 20, 29    Das   ist   einfach   nicht   fair!   Den„ungläubigen Thomas“   nennt   man ihn.   Dabei   war   er   doch   nur   kurz   weg   gewesen.   Am   Abend   des ersten    Wochentages    hatten    sich    einige    Jünger    versammelt. Die     Lage     war     sehr     verwirrend:     Erst     das     Grauen     der Kreuzigung,   dann   am   dritten   Tag   plötzlich   das   leere   Grab.   Die Jünger   hatten   von   Maria   Magdalena   erfahren,   dass   Jesus   ihr erschienen   sei.   Jetzt   kamen   sie   zusammen   und   verriegelten die      Türen.      Die      Situation      war      zu      unsicher.      Schwer einzuschätzen.    Wem    sollte    man    vertrauen?    Wen    oder    was hatte   Maria   gesehen?   Sollte   man   ihr   glauben   oder   besser   den eigenen   Augen   trauen,   obwohl   es   eigentlich   nichts   zu   sehen gab?    Von    einem    Jünger    hieß    es,    dass    er    in    der    leeren Grabkammer „sah und glaubte“ (Joh 20,8). Aber was hatte jener dort gesehen? Und   vor   allem:   Was   und   wie   glaubte   er?   Fragen   über   Fragen. Kein   Wunder,   dass   sich   die   Jünger   trafen.   Wer   wollte   in   so einer    unsicheren    Situation    schon    allein    sein?    Einer    fehlte jedoch: Thomas. Wir wissen nicht, warum. Vielleicht   hatte   er   einfach   etwas   anderes   vor.   Oder   er   wollte   in seiner   Trauer   über   den   Tod   Jesu   lieber   allein   sein.   Jedenfalls war    er    nicht    dabei,    als    etwas    ganz    und    gar    Unerwartetes geschah.   Jesus   war   plötzlich   mitten   unter   ihnen.   Wie   er   leibt und   lebt!   Nein,   vielleicht   nicht   ganz   so   wie   früher,   aber   doch   als der    Gekreuzigte.    Seine    Wunden    waren    deutlich    zu    sehen. Tatsächlich.   Er   war   es.   „Friede   sei   mit   euch“,   sagte   er   zu   ihnen. „Thomas   aber,   einer   der   Zwölf,   der   Zwilling   genannt   wird,   war nicht   bei   ihnen,   als   Jesus   kam.   Da   sagten   die   andern   Jünger zu   ihm:   Wir   haben   den   Herrn   gesehen.   Er   aber   sprach   zu ihnen:   Wenn   ich   nicht   in   seinen   Händen   die   Nägelmale   sehe und    lege    meinen    Finger    in    die    Nägelmale    und    lege    meine Hand   in   seine   Seite,   kann   ich’s   nicht   glauben“   (Joh   20,25). Spricht   so   ein   Zweifler?   Vielleicht   eher   ein   Forscher.   Thomas wollte   selbst   sehen   und   fühlen,   was   die   Worte   der   anderen Jünger   bezeugten,   aber   nicht   beweisen   konnten.   Er   verließ sich   nicht   auf   Hörensagen   und   Fremdberichte,   sondern   wollte sich    mit    eigenen   Augen    und    eigener    Hand    einen    Eindruck verschaffen.     Wie     seine     Mitjünger     reagierten,     ist     nicht überliefert.     Jedenfalls     hatte     Thomas     mit     seinen     Fragen weiterhin   einen   Platz   in   ihrer   Mitte.   Eine   Woche   später,   beim nächsten   Jüngertreffen,   war   er   wieder   mit   dabei.   Und   schon wieder   kam   Jesus   in   ihre   Mitte.   Dieses   Mal   verpassten   sich Thomas    und    Jesus    nicht.    Der    Jünger    durfte    schauen    und berühren. Ob    er    das    tat,    sagt    die    Geschichte    nicht.    „Weil    du    mich gesehen     hast,     darum     glaubst     du?“,     fragt     Jesus.     Die Begegnung   mit   dem   Auferstandenen   hinterlässt   einen   tiefen Eindruck    bei   Thomas.    Die    Begegnung    und    die    Worte    Jesu wecken    seinen    Glauben    und    rufen    die    Worte    eines    alten Bekenntnisses   (vgl.   Ps   35,23)   neu   hervor:   „Mein   Herr   und   mein Gott!“,    sagt    Thomas.    Das    ist    der    Höhepunkt    des    ganzen Evangeliums.   Höher   geht   es   im   Glauben   nicht,   als   dass   ein Mensch   Jesus   Christus   ganz   persönlich   als   seinen   Herrn   und seinen Gott bekennt. Thomas   erkennt,   was   nur   mit   den   Augen   des   Herzens   erkannt werden      kann:      Der      Auferstandene      ist      weiterhin      der      Gekreuzigte,    in    dem    das    Heil    liegt.    Als    Nachzügler    hatte Thomas    die    Chance    bekommen,    Jesus    zu    sehen.    Als    der „ungläubige     Thomas“     sollte     er     nicht     in     die     Geschichte eingehen,   sondern   als   der   hörende,   sehende,   glaubende   und
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