Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.
(Prediger 4, 6)
Im
Vers
davor
heißt
es:
„Der
Tor
legt
seine
Hände
zusammen
und
zehrt
vom
eigenen
Fleisch“,
soll
heißen:
der
Tor
lebt
vom
Ererbten
oder
Ersparten,
obwohl
er
arbeiten
könnte,
soll
heißen:
Faulheit
ist
ein
Zeichen
von
Anmaßung
und
Dummheit.
Es
könnte
nun
zwischen
dem
Vers
5
und
dem
Vers
6,
also
unserem
Monatsspruch,
ein
Doppelpunkt
stehen,
und
dann
wäre
unser
Vers
das
Lebensmotto
aus
dem
Munde
des
faulen
Toren:
„Genieße
das
Nichtarbeiten,
Arbeit
ist
sowieso
sinnlos.“
Als
Ausspruch
des
Toren
wäre
der
Vers
dann
nicht
etwa
eine
Lebensweisheit,
sondern
eine
Lebenstorheit
und
damit
ungeeignet
als
Monatsspruch.
Die
meisten
Exegeten
weisen
diese
Deutung
aus
gutem
Grund
zurück.
Es
steht
dort
ja
nicht,
dass
man
beide
Hände
ruhen
lassen
soll,
sondern
nur
die
eine.
Gewarnt
wird
nicht
vor
Arbeit,
sondern
davor,
immer
beide
Hände
voll
Arbeit
zu
haben
und
nicht
zur
Ruhe
zu
kommen.
Wo
Arbeit
und
Erwerb
nicht
mehr
Mittel
zum
Zweck
eines
verantwortungsvollen
und
gottesfürchtigen
Lebens
sind,
sondern
zum
Selbstzweck
werden,
sind
sie
so
sinnlos
wie
der
Versuch,
den
Wind
mit
bloßen
Händen
einzufangen. Also doch eine Lebensweisheit.
Das
Buch
Kohelet
wird
zusammen
mit
den
Büchern
Hiob
und
Sprüche
und
einigen
Psalmen
als
Weisheitsliteratur
bezeichnet.
Die
Texte
sind
literarisch
schön,
aber
ihr
Wert
für
den
Glaubenden
ist
irgendwie
begrenzt.
Ich
bin
immer
etwas
enttäuscht,
wenn
ich
in
einem
Bibeltext
nichts
als
allgemeine
Lebensweisheiten
entdecken
kann.
Mich
sprechen
meist
auch
diese
Morgenandachten
im
Radio
nicht
an,
bei
denen
eine
Pastorin
oder
ein
Priester
allgemeine
Lebensweisheiten
vorträgt,
die
zwar
einleuchtend
und
wahr,
aber
eben
auch
banal
sind.
Ich
lese
die
Heilige
Schrift
nicht,
um
Dinge
zu
erfahren,
auf
die
man
durch
vernünftiges
Nachdenken
auch
selbst
kommen
kann.
Mich
leitet
vielmehr
die
Erwartung,
durch
die
Worte
des
alten
heiligen
Textes
dem
lebendigen
Gott
begegnen
zu
können,
der
so
nah
ist
und
so
schwer
zu
fassen. Als evangelisch geprägter Leser suche ich in der Bibel Evangelium nicht Weisheit.
In
Wirklichkeit
ist
die
Bibel
viel
bunter
und
komplexer
als
die
zugespitzten
Erwartungen
des
evangelischen
Lesers.
Die
Bibel
ist
voll
von
Sprichwörtern
und
klugen
Beobachtungen,
die
treffend,
zuweilen
sogar
witzig
formuliert
allgemein
Menschliches
auf
den
Punkt
bringen.
Das
ist
zunächst
einmal
erstaunlich.
In
den
vielen
Jahrhunderten,
die
seit
der
Abfassung
dieser
Texte
vergangen
sind,
hat
sich
die
Welt
völlig
verändert
und
mit
ihr
die
Menschen
mit
ihren
Wahrnehmungen
und
ihrem
Verhalten,
mit
ihrem
ganzen
Bewusstsein
und
ihrer
körperlichen
Befindlichkeit.
Vor
hundert,
zweihundert
Jahren
waren
die
Menschen
anders
als
heute.
Umso
mehr
vor
den
vielen
Jahrhunderten,
die
seit
der
Entstehung
der
biblischen
Texte
vergangen
sind.
Die
Menschen
der
biblischen
Zeit
fürchteten
sich
vor
Dingen,
die
wir
nicht
mehr
fürchten,
hofften
auf
Dinge,
auf
die
heute
kein
vernünftiger
Mensch
mehr
hofft.
Ihnen
waren
Dinge
wichtig,
die
für
uns
nicht
mehr
erstrebenswert sind, sie achteten manches gering, was für uns von größtem Wert ist.
Sie
ahnten
nichts
von
den
Ängsten
der
Heutigen,
und
erst
recht
konnten
sie
nicht
die
Möglichkeiten
erahnen,
die
die
Menschen
heute
haben.
Dennoch,
trotz
des
garstigen
Grabens
der
Geschichte,
der
uns
von
der
Welt
der
Bibel
trennt,
geschieht
es
immer
wieder,
dass
ein
Wort
aus
den
Weisheitsschriften
des
Alten
Testaments
mich
trifft,
so
wie
es
der
Lyriker
Ernst
Stadler
in
seinem
berühmten
Gedicht
„Der
Spruch“
formulierte:
„In
einem
alten
Buche
stieß
ich
auf
ein
Wort,
Das
traf
mich
wie
ein
Schlag
und
brennt
durch
meine
Tage
fort.“
Kohelet,
der
Prediger,
predigt
nicht
das
Evangelium,
er
verkündigt
keine
göttlichen
Verheißungen
und
bietet
keinen
Trost
für
die
Angefochtenen.
Vielmehr
führt
er
uns
die
Vergänglichkeit
und
Begrenztheit
des
menschlichen
Lebens
und
Tuns
schroff
vor
Augen.
Man
könnte
ihn
als
Bußprediger
bezeichnen,
nicht
in
dem
Sinne,
dass
er
diese
oder
jene
Sünde
anprangert,
sondern
weil
er
uns
unverblümt
abverlangt,
uns
der
Frage
nach
dem
Sinn
des
Lebens
zu
stellen,
innezuhalten
und
zur
Besinnung
zu
kommen.
Das
ist
noch
nicht
das
Evangelium,
aber
Ruf
zum
Innehalten
und
Umdenken.
Wenn
eine
Lebensweisheit (oder eine Morgenandacht im Radio) das bewirken kann, dann ist sie Gold wert.
Autor: Martin Rothkegel
118 Jahre Leben finden - Gemeinschaft erfahren